Norwegen

Unsere Tochter war zwei Jahre alt und ganz aufgeregt, ihren Onkel in Norwegen zu besuchen.
Er war vor sechs Monaten ausgewandert und wir freuten uns alle, ihn zu sehen.
Eine Freundin von mir flog mit, und wir hatten das Glück, relativ günstig eine wunderschöne Unterkunft zu bekommen.

Es war Mai. Ich fühlte mich frei, war seit acht Wochen trocken und hatte das Glück, eine sehr gute, einfühlsame Therapeutin an meiner Seite zu haben.
Sie freute sich in der letzten Sitzung vor dem Urlaub mit mir und wünschte mir eine tolle Reise.

Wir verabredeten uns an einem Abend mit einer guten Freundin meines Bruders.
Sie ist sehr gesellig, hat auch Kinder und an diesem Tag waren nicht nur wir zu Besuch.

Die erste Flasche Rotwein wurde geöffnet und ich bekam wie selbstverständlich ein Glas in die Hand gedrückt.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Ich saß auf der Couch und rang mit mir.

Es waren viele Menschen in dem kleinen Wohnzimmer, ich kannte niemanden und fühlte mich unwohl. 
Ich versuchte den Gesprächen zu folgen und überwand mich, englisch zu sprechen. 
Dann stellte ich das Glas ab und spielte mit meiner Tochter.
Es half alles nichts. Ich wollte es. Ich ging zu dem Tisch, nahm das Glas und trank zwei große Schlucke.

Mein Mann sah mich erschrocken an. Ich sagte ihm, dass es mit der Therapeutin abgesprochen sei. Sie hätte grünes Licht für ein Glas im Urlaub gegeben und er müsse sich keine Sorgen machen.

Ich vertrug keinen Rotwein 

und merkte sofort, dass ich nicht viel gegessen hatte.

Das mir angebotene Wasser lehnte ich ab und trank noch ein Glas Weißwein.

Spätabends machten wir uns auf den Nachhauseweg. Die Landschaft war toll, es war noch hell und ich schlief sofort im Auto ein.

Für den nächsten Tag war eine Shoppingtour mit meiner Freundin geplant. Ich hatte Kopfschmerzen und war froh, als die Busfahrt ins Zentrum vorbei war.

Wir gingen in das erste Kleidergeschäft und ich entschuldigte mich, dass ich auf die Toilette müsse.
Ich lief zu dem Supermarkt eine Etage tiefer und suchte nach Alkohol.

Ich fand Prosecco-Dosen und sah auf das Preisschild am Regal.

Ungläubig stellte ich die Dose zurück und machte mich auf den Weg zum Ausgang.

Ich kam nicht weit.
Ich ging nicht raus.
Ich drehte um, nahm mir drei Dosen und ging zur Kasse.

100 Kronen kostete eine.
Ich hätte auch 1000 gezahlt.