Der Morgen danach

... und die Angst davor

Es war wahrscheinlich ein Donnerstag. 
Am Anfang war es immer ein Donnerstag. Mittwochs war Mädelsabend.
Natürlich nicht dafür gedacht, sich aus dem Leben zu schießen. Natürlich
nicht. Interessierte mich das? Nein. Ich nahm es als willkommenen Anlass.

Später wurde jeder beliebige Wochentag daraus.

Dieses lähmende Gefühl hat sich tief eingebrannt.
Und ich bin seit sieben Jahren jeden Tag froh, dass ich das nicht mehr erleben muss.
Schon beim Augen aufmachen wusste ich, dass das kein guter Tag wird. 

Ich werde mir für den Rest meines Lebens diese Übelkeit, dieses absolut
lähmende Gefühl der Scham und die vernichtenden Gedanken ins Gedächtnis
rufen können. 


Mit trockenem Mund versuchte ich, mein Frühstück runter zu kriegen. 
Gelang mir meistens nicht. 

Der Gedanke daran, einen weiteren Tag im Büro zu überstehen verschlimmerte
meine Übelkeit. Schon lange war ich nicht mehr leistungsfähig. Meine Krankentage
waren sehr hoch. Es kostete mich alle Kraft die ich noch hatte, die Fassade einigermaßen aufrecht zu halten. 
Heute weiß ich, dass es damals jeder wusste. Es hat nur nie jemand etwas zu mir
gesagt. Was ich auch heute weiß- es hätte nichts gebracht. Im Gegenteil.
Ich hätte mich ertappt gefühlt – und Trost gesucht. Im Alkohol.
Natürlich. 

Irgendwann im Laufe des Tages fühlte ich mich besser. Der Kopf wurde klarer,
die Übelkeit war verschwunden und ich wusste- weil es mir jetzt gutgeht kann 
es ja nicht so schlimm gewesen sein. Nicht wahr? Was mache ich heute Abend?
Verabredung mit einer Freundin? Kino? Essen? Was ich aber eigentlich längst weiß-
zuhause wartet eine Flasche Crémant auf mich. Und keine Verpflichtung.

Ein Tag aus meinem Leben. Noch ohne Kinder, schon so tief drin. 
Und trotzdem-
es sollte noch sehr sehr lange dauern bis ich entschieden habe- der Alkohol, oder ich.


Ich schicke Dir ganz viel Erkenntnis.