Spiegelbild

Die Trennung war noch nicht lange her.

Ich stand inmitten von Umzugskartons in dem grün gekachelten Bad meiner neuen Wohnung und schenkte mir das letzte Glas aus der ersten Flasche Crémant ein.

Ich versuchte, die Handtücher in den Badezimmerschrank einzuräumen und stolperte dabei über die Körperfettwaage. 
Während ich mich an der Wand festhielt, stieg ich mit dem Sektglas in der Hand darauf, das erste Mal seit Langem.

Ich starrte auf die  Zahl. Dann auf mein Spiegelbild. 

Ich prostete dem Spiegel zu und leerte das Glas in einem Zug.

Zum Einzug hatte der neue Nachbar mir eine Flasche Sekt geschenkt. 

Ich öffnete sie und ließ den Korken von meinem Balkon in die gegenüberliegende Hecke knallen. 

Dann nahm ich ein Kissen von der Couch, legte es auf den Balkonboden und zündete mir eine Zigarette an. 

Eine alte Nachbarin kam vorbei. Sie stellte sich vor und fragte, ob mir im Februar im T-Shirt nicht kalt sei?

Ich verneinte. 
Sie wünschte mir noch viel Spaß bei meiner Einweihungsparty und ging mit ihrem Hund weiter.

Ich rauchte eine weitere Zigarette, ging wieder rein und nahm mir vor, wenigstens noch den Karton mit den kurzen Kleidern fertig auszuräumen.

Mein Lieblingskleid fiel mir irgendwann in die Hände. 
Ich drehte die Musik lauter, goss mir ein weiteres Glas ein und versuchte, es mir über den Kopf zu ziehen. 
Da das nicht funktionierte, stieg ich mit den Füßen rein.


Den Riss an beiden Seiten bemerkte ich erst im Sommer.


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