Niemand hat etwas gemerkt.
Hoffte ich.
Es war ein Donnerstag im Juni 2015.
Schon den Abend vorher hatte ich zwischen den einzelnen Gläsern Sekt in
einem lichten Moment gedacht- wie gut, dass ich Gleitzeit habe.
Schon lange hatte ich es nicht mehr geschafft, um 7 im Büro zu sein.
Auch überlegte ich vor dem schlafengehen, mich einfach krankzumelden.
Schon wieder.
Mit schlimmer Übelkeit machte ich die Augen auf.
Viel geschlafen hatte ich nicht.
Zu der Übelkeit kamen Herzrasen und Kopfschmerzen.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir- auch heute schaffte ich es nicht, früh da zu sein und somit früh Feierabend zu machen.
Schade an so einem herrlichen Sommertag.
Lange schwere Stunden lagen vor mir, und ich wusste das. Auch am Abend davor.
Um viertel vor 9 musste ich spätestens los. Es war kurz nach 8.
Mir tat alles weh und ich zog mir zitternd etwas an.
Als ich um Punkt 9 ins Büro kam, frass mich mein schlechtes Gewissen fast auf.
Es kostete mich so viel Kraft, einen normalen Satz zu sprechen und mich auf ein Gespräch zu fokussieren.
Alles fiel mir so unfassbar schwer.
Ich hielt mich an meinem Kaffee fest und der Geruch verschlimmerte meine
Übelkeit. Zu allem Überfluss waren an dem Tag noch Meetings.
Ich konnte mich eh schon auf nichts konzentrieren und hatte den Anschluss an mein Team und die wichtigen Themen, die unsere tägliche Arbeit betrafen, verloren.
Ein Trugschluss.
Die Gespräche mit meiner Chefin wegen meiner Fehler häuften sich.
Und doch hatte ich mir immer und immer wieder eingeredet- es ist alles ok.
" Ich habe es im Griff. Ich muss mich nur mehr anstrengen.
Und einfach etwas früher ins Bett.
Ok, vielleicht auch unter der Woche weniger trinken.
Nicht nichts. Auf keinen Fall. Ich hab ja kein Problem und könnte auch locker ohne.
Weniger Alkohol reicht. Dann kommt alles wieder in Ordnung. "
Heute bin ich mir sicher- natürlich wussten sie es.
Natürlich ist es aufgefallen.
Meine Fehler, meine Fahne und - mein Aussehen.
Ich kann mir bis heute nur sehr schwer Fotos aus dieser Zeit anschauen.
Diese Fassade, die längst keine mehr war, habe ich über Jahre versucht aufrecht zu halten. Mit meiner letzten Kraft.
Als diese endgültig nachließ, mehrten sich die Krankenscheine noch einmal mehr.
Ich war selten einen Monat komplett anwesend..
Das alles hier zu schreiben fällt mir nicht leicht.
Aber es tut auch sehr gut.
Es gehört zu meinem Leben dazu.
Und ich bin sehr dankbar, dass dieses Kapitel Vergangenheit ist.
Vielleicht liest das hier gerade jemand, der morgens ebenfalls hofft, einfach nur irgendwie durch den Arbeitstag zu kommen.
Du bist damit nicht allein.
🤍